Soll ich überhaupt noch vertrauen?

Neulich bei meinem Workshop für die GPM Regionalgruppe Nürnberg wurde es plötzlich still. Die Teilnehmenden hatten für sich mit dem Vertrauensradar gearbeitet – einer Übung, mit der sichtbar werden kann, an welchen Stellen in der Organisation und Zusammenarbeit Vertrauensverluste entstehen. Dann hatte ich gefragt: Was im Radar hat Sie am meisten beschäftigt?

Ein Teilnehmer meldete sich. Er sprach allgemein über seine Erfahrungen, und man konnte spüren, wie tief sie Spuren hinterlassen haben. Er erzählte von mehreren Unternehmen, in denen er gewesen war. Wo Leute erst länger gehypt und dann sang- und klanglos abserviert wurden. Wo niemand Verantwortung übernehmen wollte und Themen einfach hin und her geworfen wurden. Von Firmen, die von „Heuschrecken" gekauft und auf Kosten der Belegschaft auf „Kurs" gebracht wurden.

Seine Frage dahinter: Wie weit kann und soll man noch vertrauen, wenn man in der Wirtschaft so viele schlechte Erfahrungen gemacht hat? Was kann man anderen Menschen überhaupt noch raten?

Misstrauen schützt und kostet

Die Enttäuschung ist völlig nachvollziehbar. Ärger und Kränkung brauchen Zeit zur Verarbeitung. Und erst einmal ist Misstrauen sogar sinnvoll. Es schützt und macht wachsam.

Aber Misstrauen hat einen Preis. Man bringt sich nicht mehr ein und verringert damit nicht nur die Risiken, sondern auch seine Chancen. Man ergreift Sicherheitsmaßnahmen, bevor man überhaupt mit dem Gegenüber in Interaktion gegangen ist. Als würde man schon „Wir kaufen nichts!" rufen, bevor man die Tür geöffnet hat.

Das Paradoxe: Was einen enttäuscht hat, bestimmt weiter mit, wie man künftig mit allem anderen umgeht.

Die falsche Frage

„Vertrauen oder Misstrauen?" ist aus meiner Sicht die falsche Frage. Die richtige lautet: Wie viel will ich vertrauen, wie viel Kontrolle will ich haben? Denn erst das macht uns von Betroffenen zu Gestaltern.

Vertrauen und Kontrolle gehören zusammen. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Ein Mindestmaß an Kontrolle ermöglicht Vertrauen oft erst, zu viel davon macht es kaputt.

Natürlich hat man nicht alles selbst in der Hand. Man kann beispielsweise nicht verhindern, in einer Sparwelle entlassen zu werden. Aber man kann daraus über Abhängigkeiten lernen, sich Optionen aufbauen, beim nächsten Arbeitgeber genauer hinschauen.

Als Führende oder Führender kann man auch sehr wohl im Stich gelassen werden. Und das trifft tiefer, als es von außen gesehen wird. Doch man kann lernen, Vertrauen klüger zu dosieren und Verantwortung so zu geben, dass sie tragfähig wird, ohne gleich wieder alles selbst zu machen.

Frei wird, wer gelernt hat, sich innerlich flexibel zwischen Vertrauen und Kontrolle zu bewegen. Und sich nicht durch Rückschläge dauerhaft verunsichern lässt.

Die Enttäuschung haben Sie sich nicht ausgesucht. Was Sie schließlich daraus machen, schon.

Wo rufen Sie gerade „Wir kaufen nichts", bevor Sie die Tür geöffnet haben?

 

Mehr über Vertrauen und den Vertrauensradar finden Sie hier