Das Outcome-Output-Gap
Dein Projekt startet. Und schon jetzt entscheidet sich, wie viel es wirklich etwas verändert.
Hast du in deiner Organisation schon einmal ein Projekt beauftragt, nur um am Ende festzustellen, dass die Ergebnisse nicht deinen Erwartungen entsprachen? Bist du anspruchsvoll, wenn es darum geht, was für die investierte Zeit und das investierte Geld hinten rauskommen soll?
Seit über zwanzig Jahren beschäftige ich mich in verschiedenen Rollen mit Change Management in Organisationen und erlebe immer wieder, wie Potenziale verschenkt werden. Ich möchte daher einige Beobachtungen und Lösungsansätze mit dir teilen, damit du als Entscheider:in davon profitierst und die Effektivität in deinem Unternehmen steigern kannst.
In diesem Artikel geht es um das Outcome-Output-Gap, die Schere zwischen dem erwünschten Mehrwert und dem realen Ergebnis. Man kann es überall dort finden, wo Veränderungsprojekte durchgeführt werden. Insbesondere in Bezug auf große Digitalisierungs- bzw. ERP Projekte.
Outcome-Output-Gap = Schere zwischen gewünschter Wirkung und realem Ergebnis
Was du zu Outcome und Output wissen solltest
Wenn du als verantwortliche Managerin oder Manager eine Veränderung beauftragst, dann erwartest du dir üblicherweise einen unternehmerischen Mehrwert davon, ein Resultat, das relevant für die Weiterentwicklung des Unternehmens ist. Zum Beispiel geht es um mehr Attraktivität für Fachkräfte, um Kostensenkungen oder zufriedenere Kunden. Das nennt sich auch Outcome.
Diese Wirkung willst du durch den Einsatz bestimmter Mittel, beispielsweise einer neuen digitalen Anwendung erreichen. Die Arbeitsergebnisse, die diese Aktivitäten nach ihrer Implementierung erzeugen, sind der Output. Beispielsweise automatisch erzeugte Planungsergebnisse durch die Implementierung einer neuen KI.
Insbesondere bei Digitalisierungsprojekten lassen sich nun zwei spannende Dinge beobachten:
Nr. 1 Die Vermischung von Outcome und Output
Projektaufträge und Lastenhefte beschreiben meiner Erfahrung nach fast ausschließlich nur den Liefergegenstand des Projekts, das die Veränderung umsetzen soll, aber nicht den erwünschten Outcome. Das wird oft implizit vorausgesetzt. So als würde allein die Bereitstellung des Mittels schon dafür sorgen, dass sich die Wirkung und damit die Erzeugung des Mehrwerts für das Unternehmen wie von Zauberhand ergeben.
In Digitalisierungsprojekten geht es beispielsweise darum, die Software bereitzustellen und die Anwender:innen zu schulen. Doch bevor es tatsächlich in die Etablierung von Abläufen im Alltag geht, wenn eventuell auch organisatorische Änderungen nötig wären, um die Software in vollem Umfang zu nutzen, enden die teuren Projekte meist. Das führt zu Ärger und Enttäuschungen auf allen Seiten. Denn die ursprünglichen Erwartungen sind ja doch nicht so ganz eingetreten.
Aber was waren eigentlich die Erwartungen an die Wirkung, den Nutzen und das Endergebnis des ganzen Aufwands? Ohne eine konkrete Formulierung einer Erwartung an den Outcome in der Strategie- bzw. Planungsphase der Veränderung kann man nicht feststellen, ob alle Mitentscheider:innen wirklich genauso denken. Ohne Bezug auf den Outcome kann man nicht messen, ob und wann das Endergebnis erreicht wird. Und es wird auch nicht transparent, unter welchen Bedingungen die gewünschte Wirkung tatsächlich erreicht werden kann. Ist das gewählte Mittel wirklich allein in der Lage, den Outcome zu erzeugen? Oder was braucht es dazu noch? Das sind schlechte Voraussetzungen für einen wirklichen Erfolg.

Nr. 2 Gefahr der Fokusverschiebung
Zweitens kann sich der Fokus im Laufe eines Projekts von Outcome hin zu Output verschieben. Insbesondere, wenn der Outcome vorher nicht klar benannt wurde. Und das geht so:
1. Am Anfang ist der Fokus auf den Outcome sehr hoch. Das Management beschäftigt sich ausgiebig mit dem Problem, der Zielsituation und mit der Entscheidung für das Mittel, das am besten die erwarteten Verbesserungen bringen soll. Dann geschieht das Paradoxe...
2. Mit dem Start des Projekts sinkt die Aufmerksamkeit des Managements, da es „jetzt in die richtigen Bahnen gebracht ist“ und es viele andere dringende Aufgaben für das Management gibt.
3. Gleichzeitig beginnt das Projekt, an der Lieferung des gewünschten Projektgegenstands zu arbeiten. Im Laufe der Zeit kommen immer mehr unvorhergesehene Details und Arbeitspakete hinzu. Die Ressourcen werden knapper, die Zeit drängt. Schließlich muss der Projektumfang angepasst werden, um die Deadline einhalten zu können. Damit verschiebt sich der Fokus immer mehr in Richtung Output, d. h. aus Projektsicht die (minimal notwendige) Funktionalität zu liefern, um das Projekt abzuschließen. Sobald z. B. die digitale Anwendung genutzt werden kann und die Nutzer geschult sind, ist das Projekt abgeschlossen. Das ist aus Sicht des Projektmanagements völlig rational und legitim.
4. Am Ende hast du einen (mehr oder weniger fertigen) Lieferumfang aus dem Projekt, mehr aber nicht. Die Arbeit ist aber möglicherweise nicht einfacher geworden, die Kunden sind nicht glücklicher, es werden keine Kapazitäten frei. Zwischen der Erwartung (Outcome) und dem Output des implementierten Tools liegt tut sich eine Lücke auf, das Gap.
Was sind die Folgen?
So ein Gap kann schwerwiegende Nachteile nach sich ziehen. Weil es hinterher unheimlich schwer ist, auf das eigentliche Ziel der ganzen Sache aufzuschließen, denn:
- wenn noch nicht alles glatt läuft, ist schnell ein negativer Eindruck entstanden.
- eine schon bestehende Veränderungsskepsis kann sich verstärken. So nach dem Motto: „haben wir doch schon wieder vorher gewusst, dass das nichts taugt.“
- die Spannung ist raus und eventuell hat sich auch schon das Projekt aufgelöst, so dass es schwierig wird, Kapazitäten für Nacharbeiten zu blocken.
- zur Erreichung des ursprünglich gewünschten werden möglicherweise Mehrkosten fällig, die vorher nicht eingepreist waren.
- es gibt vielleicht sogar schon wieder Gegentendenzen im Managementkreis im Sinne von „das funktioniert nicht, nehmen wir was anderes“, mit allen negativen Folgen für die Bilanz wie auch die Motivation in der Belegschaft.
Fazit und was das für dein Projekt bedeutet
Digitalisierungsprojekte liefern Software, Schulungen, Dokumentation. Was sie nicht automatisch liefern: die eigentliche Veränderung, die du dir davon erhofft hast. Die entsteht nur, wenn jemand den Outcome konsequent im Blick behält, von der Beauftragung bis lange nach dem Go-live.
Als Auftraggeber:in
Formuliere den gewünschten Outcome explizit vor Projektstart, messbar, für alle Beteiligten sichtbar. Wie das geht, erkläre ich auch im Folgepost.
Im Projektverlauf
Behalte den Outcome aktiv im Blick, auch wenn der Projektdruck zunimmt und der Fokus auf Liefergegenstände driftet.
Nach dem Go-Live
Mach nicht den Haken dran, wenn die Software läuft. Die entscheidende Phase, die aktive Nutzung im Alltag, fängt erst dann an.
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