Unterschätzt, übersehen, enorm wirksam: Vertrauen als Führungshebel
Manchmal braucht es nur einen einzigen Moment, um zu verstehen, was Führung wirklich bedeutet.
Anfang der 2000er Jahre arbeitete ich als Projektmanagerin, 32 Stunden die Woche, täglich 60 km nach München, stellenweise im Ausland unterwegs, und zuhause jonglierte ich mit meinem Mann Haushalt und Kinderbetreuung. Trotzdem verwehrte man mir längere Zeit die Leitung eines eigenen Projekts. Die offizielle Begründung - und bitte jetzt nicht lachen: die drei fehlenden Wochenstunden zur offiziellen Vollzeit. Meinen Frust hielt damals nur das Gehalt in Schach.
Bis ich eine neue Führungskraft bekam. Er holte mich eines Tages in sein Büro und sagte mir direkt: Er würde mir gerne ein kniffliges Projekt übertragen, weil er überzeugt sei, dass ich es meistern würde. Er vertraue mir voll. Und sollte es Probleme geben, sei er da. Und so war es. Selbst in der Erinnerung nach so langer Zeit spüre ich wieder die Freude und Dankbarkeit in diesem Moment. Das war eine regelrechte Motivationsdusche, die lange anhielt. Ich durfte wachsen, lernen und es war ein wichtiger Schritt in meiner Karriere.
Was meinen damaligen Chef von seinen Vorgängern unterschied? Er hatte nicht mehr Informationen über mich als sein Vorgänger. Es gab keine Garantie, dass es gut gehen würde. Er hat einfach vertraut.
Vertrauen ist eine Frage der Haltung und der Führung.
💡 Was Vertrauen bedeutet
Vertrauen hat zwei Komponenten: eine positive Erwartung und die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen.
Positive Erwartung bedeutet: Du gehst davon aus, dass dein Gegenüber in deinem Sinne handelt, auch wenn du nicht dabei bist, auch wenn du nicht kontrollierst.
Risikobereitschaft bedeutet: Du weißt, dass es keine Garantie gibt. Du gibst einen Vertrauensvorschuss, ohne zu wissen, ob er sich auszahlt.
Das verlangt Mut. Und Selbstvertrauen. Denn wer anderen vertraut, muss sich selbst vertrauen. Vertrauen, dass man mit Enttäuschungen umgehen kann. Vertrauen, dass man auch dann handlungsfähig bleibt, wenn etwas schief läuft.
👋 Loslassen und trotzdem handlungsfähig bleiben
Viele Führungskräfte, die nicht loslassen können, denken, es läge am Gegenüber. Weil die Person zu jung, zu alt, zu unorganisiert, zu schwach, zu streng, zu... sei. Die Liste lässt sich unendlich erweitern. Dabei steckt oft etwas anderes dahinter: Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren und "angeschossen" zu werden, wenn etwas daneben geht. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Loslassen heißt nicht, die Augen zu schließen. Es heißt:
Du überträgst Verantwortung bewusst und bleibst gleichzeitig ansprechbar und klar in deiner Rolle. Du gibst Orientierung, nicht Antworten. Du bist verfügbar, ohne alles selbst zu lösen.
Genau das macht den Unterschied zwischen einer Führungskraft, die ihr Team entwickelt – und einer, die ihr Team abhängig hält.
🚀 Was du gewinnst, wenn du vertraust
Vertrauen ist aber nicht nur Risiko, sondern eine Investition, die sich auszahlt. Auf drei Ebenen:
1. Motivation und Entwicklung
Wenn du jemandem wirklich vertraust und zwar spürbar - nicht nur auf dem Papier - passiert etwas Erstaunliches: Menschen übertreffen sich selbst. Weil jemand geglaubt hat, dass sie es können. Das bindet Menschen ans Unternehmen. Weil sie sich gesehen fühlen, nicht nur beschäftigt. Und mehr noch: vielleicht bringen sie hilfreiche neue Perspektiven und Ideen ein, die sie ohne den Vertrauensbeweis nicht geäußert hätten.
2. Zeit und Fokus
Wenn du delegierst und wirklich loslässt, gewinnst du das Wertvollste zurück, was du als Führungskraft haben kannst: Zeit für Nachdenken, Strategie und Entwicklung. Wer alles kontrolliert, hat für nichts davon Kapazität.
3. Mitdenken und Mitverantwortung
Vertrauen wird nach meiner Erfahrung selten ausgenutzt. Im Gegenteil: Wenn es brenzlig wird, erfährst du es als Führungskraft oft als Erste. Weil dein Team das Vertrauen erhalten will und Risiken aktiv mitdenkt.
🏋️♀️ Vertrauen ist eine tägliche Übung
Vertrauen ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann hat. Es ist etwas, das man immer wieder neu entscheidet, in kleinen Momenten des Alltags. Beispielsweise:
☑️ Wenn du eine Aufgabe delegierst, ohne danach täglich nachzufragen.
☑️ Wenn du jemandem zutraust, eine Präsentation alleine zu halten – auch wenn du es selbst „besser" könntest.
☑️ Wenn du Fehler zulässt, weil du weißt: Fehler sind der Preis für Wachstum.
Und ja, manchmal wird dieses Vertrauen enttäuscht. Das gehört dazu. Wer nie enttäuscht werden will, sollte niemals führen!
🌟 Deine Reflexion und ein konkreter nächster Schritt
Frag dich doch mal
❓ In welchen Situationen fällt dir Vertrauen besonders schwer – und was steckt wirklich dahinter?
❓ Wo hältst du gerade an etwas fest, das du eigentlich loslassen könntest?
❓ Wem in deinem Team könntest du in den nächsten zwei Wochen eine Aufgabe übertragen, die du bisher selbst gemacht hast?
Die dritte Frage ist keine rhetorische. Such dir jetzt eine konkrete Person und eine konkrete Aufgabe. Sag ihr, dass du ihr das zutraust. Nicht als Auftrag. Als Vertrauensbeweis.
Ich bin gespannt, was passiert.
Solltest du noch an deiner Courage zweifeln, sprich mich einfach direkt an.