Die Paradoxe Intervention: Risiken aus einem neuen Blickwinkel betrachten
Als Führungskraft müssen Sie Entscheidungen oft unter Unsicherheit treffen. Klare Daten fehlen, Erfahrungswerte sind rar, und manchmal müssen erhebliche Risiken eingegangen werden. Tools wie die Risikomatrix oder die SWOT-Analyse helfen bei der fachlichen Einordnung, aber seien wir ehrlich: Am Ende entscheidet oft doch das Bauchgefühl.
Dazu kommt, dass Erfahrungshorizont und Risikobereitschaft innerhalb eines Teams häufig stark divergieren. Das führt nicht selten zu unterschiedlichen Meinungen und festgefahrenen Entscheidungsprozessen. Was in solchen Situationen wirklich hilft, ist eine systemische Methode des „Andersdenkens“, die allen Beteiligten neue Sichtweisen eröffnet und Bewegung in die Situation bringt.
Die Paradoxe Intervention ist genau das: ein pragmatisches Format zum souveränen Umgang mit Unsicherheiten. Die zentrale Frage lautet dabei bewusst provokant: „Was kann unser Projekt ganz sicher zum Scheitern bringen?"
Ja, das ist paradox, denn eigentlich will niemand, dass ein Vorhaben scheitert. Aber genau diese Umkehrung der Perspektive führt oft zu völlig unerwarteten Lösungsideen und entlarvt versteckte Risiken.
Die Vorteile der Methode
- Perspektivenerweiterung: Sie erkennen Risiken, die sonst im „toten Winkel“ bleiben würden.
- Aktive Steuerung: Der beeinflussbare Teil des Projekts rückt in den Vordergrund.
- Alle an Bord: Stakeholder werden aktiv eingebunden – auch skeptische Bedenkenträger fühlen sich gehört.
- Schnell und strukturiert: Ein Format, das ohne großen administrativen Aufwand sofort funktioniert.
- Und nicht zuletzt: Es macht Spaß und lockert die Atmosphäre auf.
Das Vorgehen in 6 Schritten
1. Risiken kreativ sammeln
Fragen Sie sich und Ihr Team: „Was könnte unser Vorhaben ganz sicher zum Scheitern bringen?" Schreiben Sie jede Idee – egal wie verrückt – auf Karten. Hier ist alles erlaubt: Fantasieren Sie, übertreiben Sie, denken Sie quer. Je frecher, desto besser!
2. Ergebnisse sichtbar machen
Sammeln Sie alle Karten an einer Pinnwand und sortieren Sie diese in thematische Cluster. Was gehört zusammen? Welche wiederkehrenden Muster lassen sich erkennen?
3. Relevanz prüfen
Jeder Teilnehmer erhält Punkte (z. B. Klebepunkte) und markiert die Karten, die aus seiner Sicht die größten Risiken darstellen. Worauf kommt es wirklich an?
4. Risiken realistisch bewerten
Diskutieren Sie gemeinsam: „Welche dieser Gefahren sind tatsächlich kritisch?" und „Was davon können wir getrost ignorieren?" Priorisieren Sie bewusst: Nicht alles ist gleich wichtig.
5. Lösungen persönlich gestalten
Fragen Sie das Team: „Was kann jeder Einzelne von uns tun, um die Top-3-Risiken in Erfolgskriterien zu verwandeln?" Notieren Sie konkrete Ideen und heften Sie diese direkt neben die entsprechenden Risiko-Karten.
6. Aktionsplan erstellen
Zum Schluss gilt: Wer macht was bis wann? Erstellen Sie einen klaren Plan mit konkreten Maßnahmen, Verantwortlichen und Zeitrahmen. So wird aus der Frage „Was könnte schiefgehen?" ein klares „Wie wir es schaffen!".
Probieren Sie diese Methode das nächste Mal aus, wenn Ihr Team feststeckt oder Risiken drohen, unter den Tisch zu fallen. Die Erfahrung zeigt: Der paradoxe Blickwinkel löst Blockaden effektiv und bringt oft überraschend konkrete Ergebnisse.
Wer tiefer einsteigen möchte: Diese Methode und viele weitere nützliche Tools finden sich im Buch Gehr et al.: „Systemische Werkzeuge für erfolgreiches Projektmanagement" (Springer, 2018).