Karrierekiller Selbstzweifel
Halten Unsicherheit und Selbstzweifel Sie immer wieder davon ab, im Job Grenzen zu ziehen und für Ihre Sache einzustehen? Haben Sie das Gefühl, dass dies einen erheblichen Teil Ihrer Energie blockiert?
In meiner Coaching-Praxis begegne ich regelmäßig Führungskräften, die genau unter dieser Situation leiden. Erst kürzlich habe ich mit einer Führungskraft daran gearbeitet, ihre Bedürfnisse klar zu kommunizieren und professionelle Grenzen zu setzen.
Menschen mit ausgeprägten Selbstzweifeln neigen dazu, die Schuld für Situationen, die sie als ungerecht, befremdlich oder sogar übergriffig erleben, primär bei sich selbst zu suchen. Sie fragen sich, ob sie einen Fehler gemacht haben oder ob sie schlicht zu empfindlich sind. Liegt es an ihrer Persönlichkeit oder gar an Inkompetenz, dass es so weit gekommen ist? Diese Gedanken führen häufig in belastende Grübelschleifen – eine Situation, die nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für das private Umfeld zehrend ist.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Besonders kritisch wird es, wenn sich bereits so viele Emotionen aufgestaut haben, dass eine souveräne Stellungnahme kaum noch möglich ist. Vielleicht platzt Ihnen im unpassendsten Moment der Kragen, was die Situation zusätzlich eskalieren lässt. Oder Sie ziehen sich ins „innere Schneckenhaus“ zurück bis hin zur inneren Kündigung. Auf Dauer hat dies ganz konkrete Auswirkungen auf Ihre Karriere.
Grundsätzlich ist ein gesundes Maß an Selbstzweifel sinnvoll: Es bewahrt Sie vor schweren Fehlern und macht Sie anschlussfähig. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Sie sich zu lange belastenden Situationen aussetzen und die Energie verlieren, den Zustand in Ihrem Sinne zu verbessern.
Dieser Zustand sollte nicht andauern, weder für Sie persönlich noch für die Organisation, in der Sie tätig sind. Daher möchte ich Ihnen Mut machen und fundierte Informationen an die Hand geben.
Die gute Nachricht: Sie sind nicht allein!
Selbstzweifel im Job sind weit verbreitet. Das ist keine subjektive Wahrnehmung, sondern eine Realität, der ich in meiner Coaching-Praxis laufend begegne. Fast keine Führungskraft, die ich begleite, ist völlig frei von dem Gefühl, manchmal „nicht gut genug“ zu sein.
Interessanterweise zeigt sich hier ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern: Während Männer ihre Unsicherheiten oft intern verarbeiten oder überspielen, thematisieren Frauen diese häufiger und leiden stärker unter dem Druck, sich permanent beweisen zu müssen um den gleichen Respekt zu erhalten wie ihre männlichen Kollegen. Der aktuelle „Women in the Workplace“-Report von McKinsey und LeanIn.org (2024/2025) belegt das eindrücklich.
Es ist kein Zufall, dass gerade ambitionierte Frauen von diesen Zweifeln geplagt werden. Wer hoch hinauswill, stößt auf Widerstände. Und wo Widerstand ist, entstehen schnell Fragen an die eigene Kompetenz. Die niedrige Quote an Frauen in der Führung (lt. Statistischem Bundesamt stabil bei 27%) ist also nicht nur ein strukturelles Problem, sondern spiegelt auch die enorme psychische Belastung wider, die mit einem Karriereaufstieg verbunden ist.
Was Zweifel und Unsicherheit begünstigt
Oft machen sich Führungskräfte ihre Zweifel zusätzlich zum Vorwurf. Doch die Wahrheit ist: Sie haben das nicht allein verursacht. Unsere Haltung wird stark von Prägungen beeinflusst, die lange vor Ihrem ersten Job entstanden sind. Drei Hauptfaktoren spielen hier meist zusammen:
- Prägungen aus der Kindheit: Haben Sie als Kind oft Kritik gehört oder das Gefühl gehabt, den Erwartungen nie ganz zu genügen? Wer gelernt hat, dass Liebe oder Anerkennung an Leistung geknüpft sind, neigt dazu, Fehler immer bei sich selbst zu suchen und sich schnell „unzulänglich“ zu fühlen.
- Der biologische Faktor: Es ist ein einfacher physiologischer Unterschied: Männer haben mehr Testosteron, was oft zu mehr Risikofreude und direkterem Durchsetzungsverhalten führt. Frauen hingegen sind hormonell oft stärker auf Harmonie und Ausgleich gepolt. In einem harten Wettbewerb kann sich das schnell wie ein Nachteil anfühlen, wenn es darum geht, laut für die eigene Position zu kämpfen.
- Die „Bravheits-Falle“ aus der Schule: Frauen scheitern nicht zufällig oft an ihren Selbstzweifeln – in der familiären und der schulischen Erziehung von Mädchen wird Überangepasstheit belohnt (Erziehungsforscherin Margrit Stamm2). Im Berufsleben, und da besonders in der Führung, zählen aber ganz andere Dinge: Konflikte aushalten, Risiken eingehen und auch mal Ecken und Kanten zeigen. Wer gelernt hat, dass nur „braves Verhalten“ sicher ist, fühlt sich in diesen Situationen schnell unsicher und wartet lieber ab, bis alles zu 100 % perfekt ist.
Das Wichtigste zuerst: Diese Prägungen sind stark, aber sie sind nicht in Stein gemeißelt. Sie können sie erkennen und bewusst neues Verhalten lernen.
Doch wie gerechtfertigt sind Ihre Zweifel wirklich? Und was hilft weiter?
Um im Alltag einzuschätzen, wie gerechtfertigt Ihre Zweifel in Bezug auf eine wahrgenommene berufliche Situation sind, hilft zunächst der Austausch mit anderen. Es braucht manchmal Mut, sich zu öffnen und mit Peers über die eigene Lage zu sprechen. So bekommen Sie schnell ein Gespür dafür, ob die Ursache bei Ihnen liegt oder ob es sich um ein externes, systemisches Problem handelt. Genau so verfuhr auch meine eingangs erwähnte Klientin. Sie stellte fest, dass viele andere das gleiche Problem haben. Das war eine erste große Entlastung und gab ihr die Energie für Veränderungen, weil sie erkannte: „Das ist nicht okay, das muss ich mir nicht bieten lassen.“
Falls Sie keine Kolleginnen oder Kollegen fragen können oder es sich um ein systemisches Problem handelt, bei dem Sie nicht weiterwissen, suchen Sie sich Unterstützung bei einem erfahrenen Coach oder einer Mentorin. Diese bieten den notwendigen professionellen Blick von außen, um gemeinsam mit Ihnen Ansatzpunkte zu identifizieren.
Und auch wenn es banal klingen mag – das wirksamste Mittel gegen Selbstzweifel ist immer: sich überwinden und einen Testballon starten.
Suchen Sie das klärende Gespräch und sammeln Sie positive Erfahrungen. Verbessert sich die Situation nach Ihrer Intervention, fühlen Sie sich beim nächsten Mal sicherer und sprechen kritische Themen schneller an. Wichtig ist, nicht zu lange zu warten, sondern zu handeln, bevor sich zu viel aufstaut. Und falls die Situation nicht dauerhaft besser wird? Dann haben Sie in jedem Fall wertvolle Erfahrungen gewonnen. Zudem wird Ihr Gegenüber Sie mehr respektieren, weil Sie klare Leitplanken gesetzt haben.
Selbstzweifel müssen keine Karrierebremse sein. Manchmal reicht ein externer Blick, um aus der Grübelschleife in mehr Handlungsfähigkeit zu kommen. Rufen Sie mich an oder schreiben Sie mir einfach.
1) Link zum Women in the Workplace report from McKinsey and LeanIn.org Report
2) Prof. Margrit Stamm in der NZZ über die Gründe von Selbstzweifeln bei Frauen und Mädchen